Hier die Antwort von Jan und meinen Kommentar dazu:
Jan, am 22.11:
Ich denke, das Problem ist der Einsatz von eLearning in den Geisteswissenschaften. Da dort v.a. Texte in LMS gelegt werden, kann ich allein in der Technik auch keine Verbesserung zum Buch sehen.Das ist in der Tiermedizin etwas ganz anderes. Es ist schon ein großer Unterschied, ob ich in einem Buch beschreibe, ob ein Pferd lahmt, oder ob ich dieses in einem Video zeige. Das lässt sich auf Untersuchungstechniken, Operationen etc. ausbreiten.
Weiterhin sehe ich in den neuen techniken v.a. eine Gelegenheit, didaktische Fragen, die traditionell in vielen Studienrichtungen gar nicht gestellt werden, auf den Tisch zu bringen. Während wir in Vorlesungen gar nicht über Lernziele sprechen, hinterfragen wir diese bei CBTs schon. Das färbt dann auch auf die traditionelle Lehre ab.
Trotzdem hat der Stuidenbrief natürlich recht, dass erst ein gutes didaktisches Konzept alles aus den neuen Medien herausholt.
Vielleicht sollte Marco diese Diskussion in den gruppenübergreifenden Fachbereich verschieben, dass die Fachtutorin und evtl. sogar der Autor des Briefes mitdiskutieren können.
Ich, am 22.11.:
Dass mit den Anforderungen an die CBT, kann ich unterschreiben. Es ist schon erstaunlich, welche hohen Anforderungen an eine interaktive CBT gestellt werden und wie wenig der üblichen Lehre abverlangt wird. Hier (CBT) wird die eierlegende Wollmilchsau für nur 9,99 Euro gesucht, dort werden basale Prinzipien des Controllings oder einer Balanced Scorecard, wie es übrigens partiell in einigen Ländern bereits geschieht, als Teufelszeug verbannt. CBT/WBT ist dabei in jeder einzelnen Komponente extrem erklärungswürdig und -bedürftig. Ob das auch bei Schullehrern nach dem Referendariat so ist, vage ich mal sehr frech hier zu bezweifeln….- auch wenn sich daran etwas ändern mag.Ein zweites, damit verknüpftes Problem ist das der Metaebene. Ich erlebe in meinem tagtäglichen Geschäft, daß sich ganze Berufsgruppen weigern, überhaupt noch einmal selbst das Lernen persönlich zu erleben. Es gilt hier das Prinzip des „Ausgelernthabens“ und anderer deutscher Sprüche, die klar machen sollen, dass das Lernen seinen Platz eher in frühen Lebensjahren habe. Doch wollen Mitglieder dieser Gruppen stets beurteilen und v.a. entscheiden, welches Lehr- und Lernmaterial für die Endnutzer, die Lerner, das adäquate ist. Sie wollen beobachten, analysieren, ohne selbst sich mal in die Perspektive des Anwenders “herunterzubringen”.
Von einem chinesischen Freund bekam ich dazu einmal ein sehr schönes Bild zu diesem Thema präsentiert. Wie nähern sich in Peking ein amerikanischer und ein deutscher Wissenschaftler dem Phänomen des klassischen chinesischen Theaters? Der deutsche Wissenschaftler läuft sofort in eine Bibliothek und liest alle Bücher, die es zum Thema „Chinesisches Theater“ gibt. Der amerikanische Wissenschaftler schließt sich einer Theatergruppe und versucht selbst, chinesisches Theater zu spielen….
Eins kann ich mir jedoch nicht verkneifen: zu den Geisteswissenschaften gehört alles, was mit Sprachen zu tun hat. Nun, Jan, ich lebe seit 10 Jahren von Sprachlernsoftware….ich weiß aber, was Du sagen möchtest: häufig werden Bücher einfach als CD-Rom herausgebracht. Dies ist ganz besonders bei den Schulbuchverlagen (“CD zum Buch”) der Fall. Der Grund hierfür liegt m. E. aber in der Erwartung des deutschen Marktes: erstens erwarten viele tatsächlich eine Software für max. 9,99 Euro zu kaufen (am liebsten für 2,99 Euro…) und zweitens sind ein Großteil der Käufer, die interaktive Lernsoftware kaufen immer noch jenseits der 30, mit akademischer Vorbildung, die sozusagen mit dem Buch in der Hand ausgebildet wurden – so man internen Recherchen der Lernsoftware-Anbieter glauben schenken darf, was jedoch meiner beruflichen Erfahrung in dieses Bereich voll und ganz entspricht. Das Fachpublikum, z.B. Lehrer oder Fachinformatiker, lernt selbst kaum mit interaktiven Lernmedien.
So kommen bspw. Firmen auf die Idee, die Werke Kants, das Lexikon der Pädagogik einfach lieblos, völlig textbasiert und überhaupt nicht interaktiv auf CD zu brennen und mit recht gutem Erfolg in allen gängigen Kanälen verkaufen (habe jede Menge davon, weil wir mal eine einschlägige Vertriebspartnerschaft hatten).
Was das mit “didaktischen Design” zu tun hat? Nun, das ist gerade der Punkt!!
